Seliger Jakob Kern

 

Betritt man die Geraser Stiftskirche, so findet sich gleich links hinter der großen Eingangstüre ein schlichter silberner Schrein. Wer war der selig gesprochene Jakob Kern, dessen Gebeine hier ruhen?

 

Schüler und Soldat

Franz Kern kam 1897 in Wien zur Welt. Bereits als Schüler wollte er Priester werden. Aber durch den Ersten Weltkrieg rückte das Ziel, Theologie zu studieren, in weite Ferne. Mit 23 Jahren wurde er zum Militär eingezogen; für ihn ein selbstverständlicher Dienst am Vaterland.

Bei seinem Einsatz an der Front in Tirol blickt der Offiziersanwärter Tag für Tag dem Tod ins Auge. „Freund Mors“ nennt er ihn in seinen Gebeten und Tagebüchern. Mit tiefem Glauben und großer Gelassenheit bot er Christus an, für ihn zu leiden.

 

Beginn seiner „Karwoche“

Am 11. September 1916 wurde Kern lebensgefährlich verwundet: Eine Gewehrkugel traf Leber und Lunge. Monatelang schwebte er zwischen Leben und Tod. Seine Wunde sollte nie mehr heilen.

Ein Jahr später war der junge Soldat noch immer „felduntauglich“ und wurde aus dem Militärdienst entlassen. Damit konnte er endlich in das Wiener Priesterseminar eintreten und das Theologiestudium beginnen.

 

Stellvertretung

Als sich 1920 die tschechische Nationalkirche von Rom trennte, fiel auch ein Chorherr von Strahov in Prag vom katholischen Glauben ab. Unser junger Theologiestudent erfuhr davon und war tief erschüttert über den Egoismus und Nationalismus des ehemaligen Priesters. Der hl. Papst Johannes Paul II. deutet dies so: „In diesem traurigen Vorfall entdeckte Jakob Kern seine Berufung: Er wollte für den Or­densmann Sühne leisten.“ An Stelle des ehemaligen Ordenspriesters wollte Kern ins Kloster Strahov eintreten. Da dies aber nicht möglich, war bat er in Geras um Aufnahme, um hier stellvertretend den Hass durch Versöhnung zu überwinden. Noch im selben Jahr wurde er eingekleidet und erhielt den Ordensnamen Jakob.

Leidgeprüft durch seine Militärzeit und seine Verletzung nahm er das Ordensleben sehr ernst. Am 23. Juli 1922 ging sein Lebenswunsch in Erfüllung: er wurde zum Priester geweiht. Er ahnte aber, dass „diesem Palmsonntag die Passion folgen werde“. Seine Predigten ka­men von Herzen und trafen die Herzen der Zu­hörer.

 

Sein Kreuzweg

1923 verschlechterte sich die Gesundheit des Herrn Jakob erneut: An der Kriegsverletzung wurden ihm drei Rip­pen entfernen. Wegen seiner allgemeinen Schwäche musste die Operation ohne Narkose durchgeführt werden. Sein Kreuzweg begann. Trotz einiger Monate der Erholung in Meran verschlimmerte sich sein Zustand weiter. An dem Tag, für den eigentlich die Feier seiner Gelübde auf Lebenszeit geplant war, musste er wieder operiert werden. Er ahnte, dass er das nicht überleben würde. Ruhig und gelassen, ja mit christlicher Vorfreude sagte er: „Morgen werde ich die Got­tesmutter und meinen Schutzengel gesehen haben.“ Jakob Kern starb am 20. Oktober 1924, gerade einmal 27 Jahre alt.

 

Verehrung

Die Gläubigen vergaßen den „guten Herrn Jakob“ nicht. Sie kamen zu seinem Grab nach Geras, um zu beten und seine Fürsprache anzurufen. Dabei war sein Leben gar nicht so spektakulär, wie man es von Heiligen vielleicht erwartet. Im Kleinen, auf seinem Platz, ging er den Weg der Versöhnung über Staatsgrenzen hinweg. Dadurch wurde er zu einem echten Europäer im heutigen Sinn.

1998 wurde Jakob Kern von Papst Johannes Paul II. auf dem Heldenplatz in Wien seliggesprochen. Sein Gedenktag ist der 20. Oktober.