Gedanken zum 3. Fastensonntag Lesejahr B – 19. 3. 2006
Als im Jahre 1989 in Griechenland die von zahlreichen Skandalen geschüttelte PASOK-Regierung durch das bürgerliche Kabinett der Nea Dimokratia abgelöst wurde, da konnte man in den Medien pausenlos nur ein Schlagwort vernehmen: Kátharsis –Reinigung, Läuterung war das „Zauberwort“ geworden, das das Vertrauen in die Bevölkerung und damit auch bessere Lebensbedingungen wieder herstellen sollte. Dass dem letztendlich nicht so gewesen ist und dass auch die neue Regierung von Skandalen heimgesucht wurde, liegt wohl auf der Hand…
Mit dem Wort „Katharsis“ verbinde ich auch immer die folgende Evangeliumsperikope, die wahrlich nicht „leicht verdaulich“ ist und die dem ersten Anschein nach auch nicht viel für den geistlichen Weg der Fastenzeit herzugeben scheint. Da ist das Evangelium von der Versuchung Jesu in der Wüste doch viel eindrucksvoller, und das Gleiche lässt sich auch von den nachfolgenden Evangelien, etwa dem von der Heilung des Blindgeborenen oder der Samariterin am Jakobsbrunnen sagen: Sie alle sind sehr aussagekräftig in Hinblick auf ihre ursprüngliche Funktion – nämlich die Katechumenen auf die Taufe in der Osternacht vorzubreiten und sie können uns heute sehr viel sagen, wenn auch wir die österliche Bußzeit als eine Zeit ansehen, in der wir unsere eigene Taufe erneuern und vertiefen können. Aber das Evangelium von der „Tempelreinigung“…?
Und doch meine ich, dass auch diese Evangeliumsstelle genau auf der gleichen Linie liegt und unter den oben angegebenen Gesichtspunkten zu lesen und zu betrachten ist:
Es geht zunächst um die Frage, was uns die Fastenzeit wirklich bedeuten soll und was wir aus dieser Zeit machen wollen und sollen. Ist es nur eine Zeit, in der wir versuchen, den Winterspeck wieder los zu werden? Soll es eine Zeit der „esoterischen“ Erneuerung werden, weil das ja gerade „in“ ist – und - ach so modern? Aus den Medien können wir es immer wieder vernehmen: Es fasten doch alle irgendwie und irgendwo, vor allem Prominente drängen sich in das Rampenlicht oder lassen sich auch mal gerne für einen guten Zweck einspannen… Also kann man sich selbst – als „Otto Normalverbraucher“ einem solchen Megatrend, einer solchen Mode doch auch nicht verschließen!
Die gängige Auffassung sagt uns, dass Fasten lediglich eine bloße Änderung der Ernährungsweise sei, eine Vorschrift, was verboten und was erlaubt ist. Das alles aber ist – gelinde gesagt nur vordergründiger Schein! Fasten bedeutet meiner Meinung nach nun gerade nicht, dass man auf verbotene Speisen verzichtet, um dann in der Zeit nachher, etwa der Osterzeit umso mehr davon genießen kann. Fasten bedeutet auch nicht, dass wir uns bestimmte „symbolische“ und selbst gewählte Verzichte auferlegen, wie etwa „Auto-“ oder „Fernsehfasten“ (so wichtig dies auch sein mag!!). Fasten bedeutet einzig und allein: Hunger zu haben, diesen Hunger (gerade auch im Verzicht auf Nahrung) bis zur äußersten Konsequenz zu erspüren und in diesem Zustand des Hungers zu entdecken, dass er zunächst ein geistiger, spiritueller Zustand ist, und dass er letztendlich ein Hunger nach Gott ist und sein soll. So will uns das heutige Sonntagsevangelium geradezu aufrufen, dass wir einen Lebensstil für die Fastenzeit entwickeln, ein „Fastenklima“, das uns ermöglicht, uns für die lebendige Wirklichkeit Gottes zu öffnen und auf Ostern hin zu leben. Dazu soll die Fastenzeit zu einem Zeitraum der inneren und auch äußeren Reinigung werden, zur wahren und echten „Katharsis“. Katharsis in der Antike meinte immer eine umfassende, reale Erneuerung, körperlich, emotional, geistig und religiös. Durch das Durchleben von Furcht und Mitleid, - etwa in der griechischen Tragödie, die selbst öffentlicher Kult, ja sogar „Liturgie“ war - erfuhr der Zuschauer an sich die tiefe Läuterung und Erneuerung seiner Seele!
Wir dürfen – ja wir müssen - diese Evangeliumsperikope durchaus „symbolisch“, allegorisch verstehen, was nicht abwertend gemeint ist – im Gegenteil, wir können darin sogar einen tieferen als bloß nur historischen Sinn erblicken! Erst dadurch können wir daraus sehr viel für unser eigenes spirituelles Leben mitnehmen! „Symbolisch“ bedeutet in diesem Falle: das Ganze im Bild und Gleichnis zu sehen, das aber nicht Abwesenheit der Wirklichkeit bedeutet, sondern im Gegenteil – reale Anwesenheit und Erfahrbarkeit des Bezeichneten, es heißt die tieferen Zusammenhänge wahrzunehmen, ohne auf einer Ebene stehen- oder stecken zu bleiben! Im Bild vom Tempel, der nun Jesus selbst ist, erkennen wir auch die wahre Bedeutung dieser Aussage: Es geht dem Evangelisten in der Tiefe dieses Textes nicht um eine kritische Haltung zum Tempelkult, sondern er will darlegen, dass in Jesus Christus der unsichtbare und unbegreifliche Gott zum „Tempel“ geworden: sichtbar, greifbar und erfahrbar! Dieser Tempel ist letztendlich unzerstörbar, da in ihm das ewige und göttliche Leben wohnt! Ein Troparion (Festlied in Strophenform) der Ostkirche aus der Sonntagsliturgie drückt dies sehr schön aus: „Als Du zum Tode hinabstiegst, unsterbliches Leben, da hast Du die Macht des Todes durch den Glanz Deiner Gottheit überwunden. Als Du auch die Toten aus der Unterwelt errettest, riefen alle himmlischen Mächte: Christus, Lebensspender, Ehre sei Dir!“
Erst in einem solchen Horizont können wir verstehen, dass wir selbst durch die Taufe (das Hineintauchen in das unendliche Leben des dreieinigen Gottes) zum Tempel geworden sind, der besonders jetzt in dieser österlichen Buß- und Fastenzeit der „Katharsis“, der tiefgehenden Reinigung und Erneuerung bedarf! Viele Stellen in der Heiligen Schrift, besonders beim Apostel Paulus sagen uns immer wieder, dass wir der Tempel Gottes sind, und dass wir sehr sorgsam mit diesem kostbaren Geschenk umgehen sollen – dass auch daraus eine große Verantwortung für uns selbst erwächst! Der Tempel war und ist in der antiken Religion DER ORT der Gottesgegenwart, der Gottesbegegnung und Gotteserfahrung schlechthin gewesen. Im Alten Testament ist der Tempel das Zentrum des religiösen und kultischen Lebens gewesen, dort wo sich letztlich alles gefeiert wurde – in besonderer Weise das Paschafest. Durch die Taufe sind wir nun selbst zu einem solchen Ort und Raum der Gotteserfahrung geworden. So sagt z. B. der heilige Augustinus in seiner Ordensregel, die der Hl. Norbert für seine Prämonstratenser übernommen hat: „Ehrt in Euch gegenseitig Gott, dessen Tempel ihr geworden seid!“ Beschreiten wir konsequent diesen Weg der Reinigung und Läuterung, damit wir – wie es im Segensgebet am Aschermittwoch so trefflich heißt – „das Paschafest mit geläutertem Herzen feiern können“ und so mit Christus zum ewigen Ostern gelangen!
© P. Michael Karl Proházka O.Praem.
HOMILIE 4. SONNTAG DER FASTENZEIT LESEJAHR B 26 3. 2006
In der Basilika Santa Maria Assunta von Torcello in der Lagune von Venedig befindet sich ein faszinierendes Mosaik im byzantinischen Stil aus dem 12./13. Jahrhundert: Im Giebel sieht man einen Kruzifixus, darunter die ostkirchliche Darstellung der Auferstehung Christi, die so genannte „Anastasis“. Die Einheit von Kreuzestod und Auferstehung wird in dieser Darstellung sichtbar. Bei seiner „Erhöhung am Kreuz“ breitet der Erlöser die Arme weit aus, um so alle Menschen an sich zu ziehen. Unter dem Kreuz sind seine Mutter Maria und der Lieblingsjünger Johannes zu sehen, die beide eine trauernde aber auch zugleich fürbittende Haltung einnehmen. Aus den Fußwunden Jesu fließt Blut auf den Schädel Adams in der Höhle von Golgotha unter dem Kreuz, um ihn und damit auch alle Nachkommen Adams zum Leben zu erwecken. Zwei Blutströme fließen aus der Seitenwunde Jesu, sie sind die Quellen der Sakramente der Kirche: Taufe und Eucharistie.
Direkt unter der Kreuzesdarstellung befindet sich die gewaltig beeindruckende Darstellung der Auferstehung Christi: Mit dem Zeichen des Sieges in seiner Hand, dem Kreuz hat Christus die Tore des Totenreiches, die kreuzweise unter seinen Füßen liegen und auf denen er nun als triumphierender Sieger steht, aufgesprengt. Seine rettende Hand reicht er nun Adam, der mit seinen grauen Haaren die altgewordene Menschheit symbolisiert und Eva, die im roten Gewand schon auf die österliche Freude hinweist. Die Könige David und Salomo und die Propheten, angeführt von Jesaja stehen wartend dahinter, um von Christus ebenfalls errettet zu werden. Sie sind ja diejenigen, die die Auferstehung Jesus im Bilde vorausgeschaut und verkündet haben. In ihren Grabhöhlen warten die Verstorbenen auf ihre Befreiung durch den Auferstandenen.
Diese Mosaikdarstellung muss man zu ihrem besseren Verständnis mit einigen Texten aus der Karsamstgsliturgie der Ostkirche in Verbindung bringen: In einer ungeheuren Spannung und Dramatik beginnt das liturgische Osternachtsgeschehen mit der Karsamstagsvesper und der sich daran anschließenden Basiliusliturgie. Dieser Gottesdienst geht direkt zurück auf die Osternachtsvigil in Jerusalem, wo man die Katechumenen getauft hat, um sie dann nach erfolgter Taufe und Firmung zur Eucharistiefeier in die Auferstehungsbasilika zu führen. Während des Weihrauchpsalms ( es ist dies der Psalm 140, der seit alters her zum Anzünden der Lichter und der Darbringung des Weihrauchopfers gesungen wird) werden so genannte Stichiren, das sind Feststrophen zwischen die Psalmverse eingeschoben. In diesen Stichiren zum Karsamstag geht es nun um die dramatische Klage des als Person vorgestellten Todes. Eines dieser Stichiren lautet: „Stöhnend ruft heute die Unterwelt: Besser wäre mir gewesen, ich hätte Mariens Sohn nicht aufgenommen. Denn da er zu mir gekommen, hat er meine Herrschaft vernichtet, meine ehernen Tore zertrümmert. Und die Toten, die ich besaß, hat göttlich er erweckt. Ehre sei Deinem Kreuze o Herr, und Deiner Auferstehung!“ und nochmals die Klage des Todes: „Stöhnend ruft heute die Unterwelt: Verschlungen ist meine Macht. Denn der Hirte ward gekreuzigt und hat Adam erweckt. Aller, die ich beherrschte, bin ich beraubt, und alle, die verschlungen, musste ich wiederspeien. Denn der Gekreuzigte hat alle Gräber geleert - nichts ist mehr wert des Todes Gewalt! Ehre sei Deinem Kreuze o Herr und Deiner Auferstehung!“
Was aber hat dies mit dem heutigen Sonntagsevangelium zu tun? Dieses Mosaik und diese Texte verbinde ich sehr eng mit dem heutigen Evangelium, das in einer gewissen Weise die „Kreuz-Erhöhung“ in den Mittelpunkt der Verkündigung Jesu stellt. Es geht um eine Hoffnung machende Ankündigung Jesu. Die Verbindung zu Moses und zum Alten Testament ist für den Evangelisten, der sich einer reichen Symbolsprache bedient, völlig klar: Die Schlange ist das Symbol des Bösen, der Verführung und der Sünde. Durch die Schlange kam das Gift des Bösen zu den Menschen und wer von der Schlange (dem Satan) gebissen wird, der muss durch das Gift der Sünde den geistlichen Tod sterben. In diesem Zusammenhang werde ich immer an das Grundprinzip der homöopathischen Medizin erinnert, das der Begründer dieser medizinischen Richtung, Samuel Hahnemann aufgestellt hat: „Similia similibus curentur!“ zu Deutsch: „Ähnliches wird durch Ähnliches geheilt!“ So ist es verständlich, dass Moses eine Signalstange aus Kupferblech aufhängt, durch die jene geheilt werden, die zu ihr aufblicken.
Ähnliches möchte uns der Evangelist sagen: Die Erhöhung des Kreuzes bedeutet nicht nur „Aufrichtung“ am Berge Golgotha, seine Kreuzigung also, sondern vor allem die Aufrichtung des Kreuzes über dem Totenreich und seinen endgültigen Sieg darüber! In der Begräbnisliturgie am offenen Sarg nimmt der Priester das Kreuz stellt es auf den Sarg und spricht dazu: „Das Kreuz, das Zeichen unserer Erlösung, sei aufgerichtet über deinem Grabe!“ Ich persönlich pflege bei Begräbnissen dann immer die Worte des ostkirchlichen Auferstehungshymnus (Ostertropars) hinzuzufügen, indem ich anschließend sage: „ Denn Christ ist erstanden von den Toten, im Tode bezwang er den Tod und hat allen in den Gräbern das Leben geschenkt!“ Erst mit diesem Zusatz - so denke ich - bekommt der Satz des Priesters von der Aufrichtung des Kreuzes über dem Grabe seine tröstliche und hoffnungsvolle Frohbotschaft für die umstehende Trauergemeinde, wird dem Verstorbenen seine Auferstehung von den Toten zugesagt! Erst mit diesem hymnischen „Glaubensbekenntnis“ wird deutlich, dass das Kreuz tatsächlich zum Zeichen des Sieges und der Erlösung geworden ist. Das Kreuz allein bleibt sinnlos und fragwürdig, wenn es nicht „verklärt“ wird durch die Auferstehung Christi. Dass diese Auferstehung Christi niemals ein individuelles „egoistisches“ Geschehen Jesu quasi „für ihn allein“ geblieben ist, das sagt uns das eingangs erwähnte faszinierende Mosaik der Kathedrale von Torcello. Christus hat uns seine Auferstehung nicht nur kundgetan, sondern er hat uns durch seine Auferstehung erlöst! Byzantinische Kreuzesdarstellungen beinhalten auch immer den Aspekt der Auferstehung, sodass sie zwei Seiten haben: Auf der Vorderseite die Darstellung gekreuzigten Heilandes, auf der Rückseite die Auferstehung Christi.
Ein zweites mindestens ebenso überwältigendes Kunstwerk wie das in Torcello, ist das Auferstehungsfresko in der Chora-Kirche in Istanbul. Diese Seitenkapelle war wahrscheinlich die Grabkapelle des Stifters dieser Kirche. In der Apsishalbkugel steht Jesus im Osterlicht auf dem Kreuz, das das Totenreich endgültig besiegt hat und zieht mit gewaltiger Kraft Adam und Eva „an sich“! Der Künstler hat dies mit einer solchen Überzeugungskraft geschaffen, dass man zutiefst betroffen ist, wenn man vor diesem Fresko steht!
Nach einer uralten Tradition der Kirche sind die Sonntage immer vom Fasten ausgenommen gewesen, da sie Gedenktage der Auferstehung Christi sind. Es ist ja höchst interessant, dass der Sonntag in anderen Sprachen vielmehr mit der Auferstehung und dem Osterfest in Verbindung gebracht werden. So heißt der Sonntag im Griechischen „Kyriake“ – „der Tag des Herrn“, ebenso in den romanischen Sprachen („Domenica“ – auch im Lateinischen „Dominica“), ja im Russischen wird der Sonntag sogar „Voskressenje“ genannt – Tag der Auferstehung! In besonderer Weise lässt sich dies auch von den Sonntagen in der vorösterlichen Bußzeit sagen, da sie uns nicht nur auf das kommende Osterfest, sondern auf den ewigen Ostersonntag, dem „Pascha ohne Ende“ schlechthin hinführen wollen. So bekommt das heutige Sonntagsevangelium durch die beiden Elemente Kreuz und Licht seine tiefere Bedeutung: Erst im Lichte der Auferstehung wird das Kreuz zu dem, was wir immer wieder in den Kreuzwegandachten der Fastenzeit beten und jetzt hoffentlich existenziell besser nachvollziehen können: „Dein Kreuz, o Herr verehren wir, und deine heilige Auferstehung rühmen und preisen wir. Denn durch das Holz des Kreuzes ist Freude gekommen in alle Welt!“
© P. Michael Karl Proházka O.Praem.







