Stift Geras

 

 



PREDIGT VON ABT MICHAEL BEI DER RADIOMESSE AM 6. 09. 2009









 

Liebe Hörerinnen und Hörer! Schwestern und Brüder im Herrn!

Vielleicht sind Ihnen auch schon jene Menschen begegnet, die in Kaffeehäusern und Restaurants plötzlich auftauchen, kommentarlos kleine Gegenstände mit einem Kärtchen auf Ihren Tisch legen. Auf diesen Kärtchen steht sinngemäß meistens folgender Text: <Ich bin seit Geburt taubstumm und sie helfen mir, meinen Lebensunterhalt zu bestreiten, indem sie diesen Gegenstand von mir erwerben.> Meistens sammeln diese Menschen ihre Produkte wieder erfolglos ein und gehen weiter. Wie viele von uns machen sich aber wirklich Gedanken, was es bedeutet taubstumm zu sein? Schon das Phänomen der Schwerhörigkeit beeinträchtigt die Lebensqualität der Menschen enorm. Man versteht oft nicht, was die anderen sagen, fühlt sich aus einer Unterhaltung oder Diskussion ausgegrenzt und oft sogar ausgeschlossen, man fühlt sich gegenüber andern minderwertig und wird misstrauisch. Taubsein und Stummsein sind Beeinträchtigungen im menschlichen Leben, die einander beeinflussen und die den Menschen zutiefst in seinem Menschsein betreffen.
Als junger Student hat mich ein Artikel eines pränatalen Psychologen sehr fasziniert. Darin beschreibt er die Forschungsergebnisse, die man bei Neugeborenen gemacht hat. Neugeborene sind imstande, den Herzschlag der eigenen Mutter von denen fremder Personen genau zu unterscheiden. Walter Simon, so der Psychologe, erforschte, dass innerhalb der 24.-26. Schwangerschaftswoche Innen- und Mittelohr voll ausgebildet sind. Nervenbahnen der Gehörgänge sind mit isolierendem Myelin umwickelt und  Herzschlag, Sprache und Atemgeräusche der Mutter sowie Außengeräusche (ab 90 Dezibel Lautstärke) können gehört werden. So kann man zu Recht mit dem Walter Simon sagen: HÖREN IST DAS URSPRÜNGLICHE PHÄNOMEN DER WELTBEGEGNUNG!
Vielleicht verstehen Sie jetzt, warum für den Evangelisten die Heilung des Taubstummen durch Jesus so bedeutend und wichtig ist. Hören ist ja sehr vielschichtig und nicht alle Menschen hören das Gleiche. Es gibt ein feineres Gehör, manche Menschen hören die leisesten Geräusche, Musiker können sehr feine Tonunterschiede wahrnehmen usw. Ähnliches spielt sich auch im Bereich des Glaubens ab. Wir oft hören wir nichts oder hören nur Oberflächliches! Was haben wir heute während dieses Gottesdienstes WIRKLICH gehört und wahrgenommen? Gute Musik, angenehme Worte? Fragen wir uns, ob WIR Jesu Worte wirklich gehört haben? Gehört aber nicht im oberflächlichen Sinne, dass wir nur Laute und Wörter vernommen haben, die in das eine Ohr hineingekommen und beim anderen wieder herausgekommen sind. Sind die Worte Jesu tiefer in uns hineingedrungen? Worte – und jetzt sind wir bei der Fähigkeit des Sprechens -  können verändern, verwunden aber auch heilen. Durch das Wort drücken wir uns aus, lassen den anderen an unserer ganz persönlichen Welt teilhaben. Das Wort, unsere Sprache ist nicht nur Information, sie wirkt performativ, sie eröffnet uns neue Möglichkeiten, Situationen! In diesem Sinne müssen wir auch den letzten Satz des heutigen Evangeliums verstehen, der da lautet: ER HAT ALLES GUT GEMACHT! Können wir das zu Jesus auch sagen? Vielleicht spüren wir die ungeheure Provokation dieses kleinen Schlusssatzes. Normalerweise sind wir gleich bei der Hand, Gott anzuklagen, ihn für alle mögliche Ereignisse und Schicksalsschläge verantwortlich zu machen oder wir sind schon lange der Überzeugung, dass er ohnehin nichts in unserer Welt zu bewirken vermag! Und so ist das Evangelium des heutigen Sonntags und gerade der Schlusssatz eine Frage an uns: Können wir unsere Stimme und unser Gehör so gebrauchen, dass wir in wachsendem Maße unser Leben als großartiges Geschenk erfahren dürfen und ebenso sagen können: „Du hast alles gut gemacht, Herr!“ Vielleicht wird uns heute auch schmerzlich bewusst, dass wir Stimme und Gehör oft nicht wirklich gebrauchen, sehr oft missbrauchen. Wie sieht aber jener Mensch aus, bei dem Ohr und Mund, Gehör und Sprache geheilt sind, und zwar nicht nur in einem äußerlichen physiologischen Sinn? Die Antwort, die ich Ihnen nun geben werde, fällt vielleicht aufs erste für Sie sehr befremdlich aus. Unsere Stiftsbasilika ist der Gottesmutter Maria geweiht und zwar dem Fest ihrer Geburt, das wir in wenigen Tagen feiern werden und das für uns Geraser Chorherren ein ganz großes Fest ist. Wie hört Maria? Wie spricht Maria? Sie hört bei der Verkündigung auf die Botschaft. Sie bleibt nicht stumm. Sie fragt auch zurück: Wie soll denn das geschehen? Aber im Vertrauen auf Gott sagt sie ihr JA zum Willen Gottes. Und so wird alles gut! Auch bei der Hochzeit zu Kanaa. Was zunächst für unsere Ohren so abweisend klingt, jenes Wort Jesu, ist für sie eine Spur des Vertrauens und des Glaubens! Und so vermag sie die Diener zu ermutigen, das zu tun, was Jesus ihnen empfiehlt. Und so wir alles gut! Das Schönste, das wir von Maria im Evangelium haben, ist ihr großer Lobpreis, das Magnificat, das wir Geraser Chorherren allabendlich bei der Vesper gemeinsam mit der ganzen Kirche feierlich singen. Der Inbegriff des MAGNIFICAT ist der Schlusssatz des Evangeliums: Er hat alles gut gemacht!
Und so steht Maria vor uns und ermutigt und ermuntert auch uns, jenen Lobpreis und jenen Dank auszusprechen. Sie ermutigt auch uns im Glauben, jener Welt und Schöpfung zuzustimmen, die zwar nach einem Wort des Apostels Paulus  noch in Geburtswehen liegt und auf die vollständige und endgültige Erlösung wartet. Aber weil Christus Tod und Dunkel in seiner Auferstehung besiegt hat, dürfen auch wir schon jetzt und heute sprechen, einstimmen und lobpreisen: Er hat alles gut gemacht! Amen!

 

 

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